Kongressband 2009

Psychologie zwischen Glauben und Wissen(schaft)

ISBN 978-3-89967-558-0

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Informationen zum Kongress 2009


Wer braucht bei Work-Life-Balance und Wellness mit bionischen Duschen noch den Glauben an Gott? Ersetzen Drogen wie Anti-Demenz-Pillen, Leistung steigerndes Ritalin und andere Kräuter das „Opium des Volkes“? Glauben, etwas für Schwache?

Die Starken huldigen weiter der Marktwirtschaft und trotzen den stürmischen Zeiten – Dalai Lama und Dawkins sind die Abendlektüre, der Hl. Vater zuweilen der Aufreger der deutschen Christenheit. Ansonsten ist Religion bestenfalls Neben- und Privatsache, Hauptsache, die eigenen Schäfchen sind im Trockenen.

Zum Glück ist es nicht flächendeckend so. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen, finanziellen und ökonomischen Krisen besinnen sich Menschen vermehrt auf Fragen nach Sinn und Sicherheit. Im Wort „glauben“ (lat. credere) steckt auch die Bedeutung von „vertrauen“: Wem oder was kann man denn noch vertrauen? Woran soll man noch glauben?

Nachdem sich der Verein „Bochumer Wirtschaftspsychologen e.V.“ (BOWIP) in den letzten Jahren mit Themen wie „Psychologen auf internationalem Parkett“ und „Demografischer Wandel“ beschäftigt hat, ist diesmal ein wertebezogenes Thema an der Reihe, zu dem jeder ein persönliches Verhältnis haben muss – und sei in Form der Ablehnung: Es geht um Psychologie und Glauben.

Stellt der Anspruch an wissenschaftliche Fundierung - der ja auch zu den BOWIP-Statuten gehört - einen Widerspruch zu aktuellen Glaubensfragen dar? Bedeuten Erkenntnisse der Neurowissenschaft oder der Biopsychologie das Aus für die Theologie?

Die Psychologie ist als sowohl Geistes- als auch Naturwissenschaft wie kein anderes Fach aufgestellt zwischen harten und weichen Faktoren. In der wirtschaftspsychologischen Praxis als Personaler, Coach oder Trainer ist es daher eine besondere Herausforderung, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuwenden und gleichzeitig des Menschen Bedürfnis nach Sinn gerecht zu werden.

Wie stellen sich Wirtschaftspsychologen da auf, welche Herausforderungen entstehen dadurch? Wie sollten wir in unserem christlich geprägten Abendland mit unserem geistigen - und geistlichen - Erbe umgehen? Wie navigieren wir auf dem bunten Parkett von Atheismus, Multikulti, Islamismus, Evolutionismus und Kreationismus?

Schließlich erforscht die Psychologie nun auch das Thema „Religion“: Religiöse Menschen leben länger, gehen öfters zum Zahnarzt, sind netter, sie sind weniger impulsiv, machen mehr Jogging, konsumieren weniger Drogen, haben nicht so früh Sex, konsumieren weniger Alkohol und Nikotin, haben weniger Depressionen, ihre Ehen werden seltener geschieden und sie sind besser in der Schule und all dies, weil sie sich besser unter Kontrolle haben (Selbstregulation). Aber: Ist das der „richtige“ Zugang zur Rechtfertigung von Religion? Ist der funktionalistische Ansatz hinreichend oder ist Religion etwas, dem Nützlichkeitsdenken und Funktionalismus fremd ist bzw. sein sollte? Inwieweit sind Konzepte der Ökonomie auf die Kirche anwendbar? Soll die Kirche für sich werben – und wenn ja, wie? Welche Rolle kann und darf der Glauben bei persönlichen Krisen spielen? Und was kann der Hl. Benedikt den Managern unserer Tage mit auf den Weg geben?

Beiträge

Die Beiträge in diesem Kongressband beleuchten diese Themen in verschiedenen Facetten. Abschließende Erkenntnisse sucht der Leser vergebens. Anregungen bekommt er dagegen in Hülle und Fülle:

Prof. Dr. Hans-Dieter Mutschler bezieht als Theologe und Philosoph klar Position gegen einen funktionalistisch-utilitaristischen Ansatz. Wer um des Nutzens willen glaubt, der glaubt eben nicht. Der Funktionalismus  macht Religion überflüssig. Naturwissenschaften wie die Biologie oder Neurophysiologie sind auf das funktionalistische Paradigma festgelegt und damit „unverträglich“ mit einer christlichen Lehre, die das Gute um seiner selbst willen fordert.

Stefan Diestel M.Sc., Dipl.-Psych. Verena Walpert und Prof. Dr. Klaus-Helmut Schmidt betrachten als Psychologen die Wirkmechanismen zwischen religiösem Glaubens- und Lebenssystem und den psychischen Mechanismen der Selbstregulation. Sie gehen der Frage nach, ob bzw. welche Verbindungen es zwischen der Religion einerseits und Selbstkontrolle andererseits gibt und schließen mit einem Blick auf das Thema „Glaube und Selbstregulation in der Praxis als Coach oder Trainer“.

Für Prof. Dr. Bruno Klauk und Dr. Julia Richter ist klar: Die katholische Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen. Dennoch lohnt sich – für eine Zeit lang - ein Blick durch die ökonomische Brille: Er offenbart Ansatzpunkte für Optimierungen vor dem Hintergrund des psychologischen Veränderungsansatzes „Organisationsentwicklung“. Fünf solcher Ansatzpunkte werden abschließend erläutert.

Wir bleiben im nachfolgenden Beitrag bei der ökonomischen Perspektive. Dipl.-Psych Uwe Jung zeigt als Geschäftsführer eines Medienunternehmens auf, dass die professionelle Methodik der Werbung für Kirche selbst kaum bzw. nicht einsetzbar ist - und zwar ganz im Gegensatz zum konkreten kirchlichen Engagement, etwa in Beratungsstellen, welches sehr wohl durch professionelle Werbung unterstützt werden kann.

Dipl.-Psych. Michaela Salewski-Renner widmet sich dem Themenkreis „persönliche Krisenbewältigung“: Es geht ihr dabei sowohl um die religiösen als auch psychologischen Aspekte. Nach einer Analyse der Folgen traumatischer Erlebnisse erläutert sie typische Phasen der Krisenbewältigung. In ihrem Beitrag wird deutlich, dass die religiösen und psychologischen Wege aus der Krise einander nicht widersprechen, sondern sich ergänzen.

Abschließend zeigt der Hausherr des diesjährigen Kongresses Prof. P. Dr. Maximilian Heim O.Cist., Prior des Zisterzienserklosters in Bochum-Stiepel, dass sich die 1500 Jahre alten Regeln der Hl. Benedikt von Nursia gut auf das moderne Wirtschaftsleben übertragen lassen. Aus dem „ora et labora“ der Mönche und den daraus abgeleiteten Weisungen lassen sich sehr wohl (wirtschaftspsychologische) Erfolgsrezepte ableiten.

Allen Autoren sei an dieser Stelle herzlichst gedankt.

Herdecke, im Mai 2009

Prof. Dr. Bruno Klauk
für das Organisationsteam des BOWIP-Kongresses 2009 und gleichzeitig den BOWIP-Vorstand: Stefan Diestel, Julia Richter, Michaela Salewski-Renner, Verena Walpert