Kongress 2010

BOWIP-Kongress 2010 im Bergbaumuseum – Wirtschaftspsychologen im Diskurs um Consulting Research als Bereicherung oder Hemmschuh für die Praxis nach Get Together mit gemeinsamer Grubenfahrt

Im rustikalen Ambiente des Bochumer Bergbaumuseums diskutierten die Mitglieder des BOWIP e. V. auf dem diesjährigen Kongress am 15. Mai die Frage, ob Consulting Research die Praxis befruchtet, hemmt oder gar ausschließlich dem „wissenschaftlichen Elfenbeinturm“ vorbehalten ist. Nach dem Get Together am Vortag, in dem es auf einer Grubentour unter Tage ging, hießen die rund 30 BOWIPs am Samstag die Referenten Dr. Thomas Deelmann und Prof. Dr. Heidi Möller herzlich willkommen.

Zu Beginn der Veranstaltung machte die Vorsitzende Verena Walpert alle Gäste stellvertretend für Prof. Dr. Bruno Klauk mit der Studienlandschaft im Bereich Consulting in Deutschland vertraut. Dabei stellte sich bereits heraus, dass es inzwischen nicht nur eine Vielzahl an Studiengängen im Bereich Wirtschaftspsychologie gibt, sondern es auch zu diversen Neugründungen von Consulting-Studiengängen kam und kommt. Entsprechende Studiengänge zu diesem „zarten Pflänzchen“ seien letztlich eher Berufserfahrenen zu empfehlen denn Abiturienten. Schließlich sei es wichtig, die Grundlagen seines Faches zuerst zu erlernen, stimmten die meisten der Psychologen im Plenum zu.

Dr. Thomas Deelmann, Leiter Strategieentwicklung bei T-Systems/Frankfurt a. M. und 2. Vorsitzender des Gründungsvor stands der Gesellschaft für Consulting Research (GCR) e.V., berichtete indes über dieses neue wissenschaftliche Feld sowie von den ersten Institutionalisierungsbewegungen im Bereich des Consulting Research. Die Beratungswissenschaft als die Erforschung dessen, was gute Beratung kennzeichnet, sei eben eine junge Disziplin. In welche Richtung diese künftig wachsen wird, darf mit Spannung beobachtet werden. Derweil werden die Berater in ihren Arbeitsbereichen von HR-Beratung über Training bis Coaching ihren Job machen. Dabei betonte er die Vielfältigkeit der Beraterrollen, vom „Blitzableiter“ bis zum „Feuerwehrmann“.

Auch in diesem Jahr bot der Kongress Gelegenheit zum regen Austausch

Heidi Möller, Leiterin des Studiengangs für Theorie und Methodik der Beratung an der Universität Kassel, sprach über „Sinn und Unsinn einer eigenständigen Beratungswissenschaft“ und schilderte in Übereinstimmung mit Dr. Deelmann die Rolle von Beratern: „Von Erlösungsphantasien bis Berater-Bashing“. Oft würden überhöhte Erwartungen an Berater gestellt. Mit diesen umzugehen, dass sei eine Handwerkskunst. Als Berater müsse man immer eine Lösung präsentieren, „als Wissenschaftler darf man hingegen auch mal keine Ahnung haben“, meinte sie augenzwinkernd. Hinzu komme, dass Berater oftmals sehr spezielle Persönlichkeiten seien, nämlich verbinde sich bei ihnen „hoher Machtanspruch“ mit dem Unwillen, selbst auf den oberen Führungsebenen eines Unternehmens zu agieren. Somit falle der „narzisstische Glorienschein der Vorstandsetage“ zwar auf den Berater ab, ohne aber, dass dieser dessen Risiken zu tragen habe. Derartige Kritik sorgte im Publikum für erneuten Zuspruch, obwohl – oder gerade weil – einige der Anwesenden selbst in der Beratung tätig sind. Sicherlich sei aber eine Schwierigkeit der Disziplin, dass mit Beratern und Wissenschaftlern mitunter unterschiedliche Kulturen aufeinander träfen, konstatierten die Experten auf dem Kongress. Das berge Konfliktpotenzial, aber auch die Möglichkeit, voneinander zu profitieren, beispielsweise indem Berater die Ergebnisse des Consulting Research nutzen, um ihr Marketing zu verbessern. Denn letztlich sei Beratung eine Dienstleistung, die es zu verkaufen gelte. Dass bei Beratungsaufträgen oftmals eine „Hidden Agenda“ mit im Spiel sei, unterstrich in diesem Zusammenhang Heidi Möller.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion, an der auch Nina Stückradt, Beraterin bei der Kienbaum Management Consultants GmbH, teilnahm, wurde über das Für und Wider des Consulting Research debattiert. Dass Consulting Research ein weites Feld ist und von der Strategieberatung bis zur Supervision alle Bereiche des Beratens umfassen kann, konstatierten die BOWIPs dabei recht schnell. Vorsicht sei geboten, dass die Beratungswissenschaft nicht zu weit gefasst werde, so z. B. BOWIP-Ehrenmitglied Prof. Dr. Wottawa. Ansonsten „führt das zu Zerfleddern des Forschungsfeldes“.

Den Abschluss des Kongresstages bildete die Mitgliederversammlung, in deren Verlauf der bisherige Vorstand für die nächsten zwei Jahre wieder gewählt wurde.

Für Wirtschaftspsychologen bieten sich aufgrund der Gründungsdynamik im Bereich Consulting und Consulting Research in der deutschen Hochschullandschaft zudem interessante Betätigungsfelder und es eröffnen sich somit auch für promovierte BOWIPs neue akademische Laufbahnen, besonders an Fachhochschulen. Ein wichtiger Schritt, Consulting Research weiterzuentwickeln wird in den kommenden Jahren parallel dazu sein, Berater und Wissenschafter an einen Tisch zu bringen – oder, wie Heidi Möller formulierte: „Die einzige Lösung ist, den Dialog zwischen Beratung und Wissenschaft zu schaffen“.

Impressionen