Get Together 19.01.2017

Flüchtlingsarbeit in Bochum – Erfahrungen aus erster Hand

Flüchtlingsarbeit ist nicht nur ein aktuelles Thema, sondern gewinnt zunehmend an Bedeutung. Die Präsenz in den Medien schwindet - die Geflüchteten bleiben und dies oft schwer traumatisiert.

Der besonderen Herausforderung der psychologischen Betreuung von geflüchteten Trauma Patienten stellt sich Rodica Anuti-Risse. Sie leitet seit Oktober 2016 das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge in Dortmund. In ihrer vorigen Tätigkeit als pädagogische Leiterin des Clearinghauses Dortmund betreute sie mit ihren Kollegen bis zu 40 geflüchtete Jugendliche, die im Clearinghaus untergekommen waren. Beim sehr kurzweiligen Get Together berichtete sie uns von ihren Erfahrungen, Konfrontationen mit Klischees und Gerüchten, sowie den Besonderheiten, die eine interkulturelle Betreuung mit sich bringt.

Wir trafen uns im Restaurant Aubergine in Bochum. Nach einer herzlichen Begrüßung der 21 anwesenden BOWIP Mitglieder untereinander stellte Hartwig uns seine ehemalige Studienkollegin Rodica vor. In ihrem kurzweiligen und spannenden Bericht erzählte sie uns dann von ihrem Weg zu ihrer heutigen Position. Schnell wurde deutlich woher Rodicas Verständnis und besondere Empathie stammt: Sie selbst war in ihrer Jugend aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Ohne deutsche Sprachkenntnisse musste sie sich selbstständig zurechtfinden. In ihrer aktuellen Arbeit mit Flüchtlingen, trifft sie auf bekannte Herausforderungen, hat aber auch mit Besonderheiten zu kämpfen, wie z.B. die Wohnsituation vieler Geflüchteter. Die beengten Lebensumstände stellen sich als besondere Herausforderung dar, wenn der direkte Raumnachbar vom verfeindeten Dorf abstammt, oder Frauen auf einem Flur untergebracht sind, dessen andere Zimmer ausschließlich Männer beherbergen. Hinzu kommen Immigrationsherausforderungen wie Sprache, kulturelle Gepflogenheiten, der Asylantrag, Behördengänge, oder schlichtweg die deutsche Mülltrennung.

Die Schwierigkeiten der therapeutischen Behandlungen von Geflüchteten zeigen sich äußerst vielfältig. Bedingt durch die besondere Lebenswandlung der Geflüchteten ist der therapeutische Bedarf viel höher als der eines deutschen Bundesbürgers. Dem gegenüber steht jedoch nur der Bruchteil eines vergleichbaren Angebotes zur Verfügung. Die kulturelle Akzeptanz einer Therapie stellt sich oftmals als noch geringer heraus, als es in Deutschland der Fall ist. Ist die Überzeugung zum Therapiebeginn gewachsen, muss das sprachliche Verständnis sichergestellt werden. Die Anforderungen an den Übersetzer sind hier nicht zu unterschätzen, im besten Fall sollte er sich auch mit dem kulturellen Hintergrund auskennen und ein ständiger Co-Therapeut und Begleiter im Rahmen der Therapie werden, was sich natürlich nicht immer realisieren lässt.

Der hohe Aufwand und die Kosten, die alleine die Organisation und Bereitstellung eines Übersetzers darstellen, waren für alle BOWIPler eine Überraschung.

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Abschließend betonte Rodica den Mangel an Mitteln, Unterstützung und Therapiemöglichkeiten in Deutschland und besonders NRW. Ihre Warteliste ist lang, denn das Team des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge in Dortmund setzt sich aus lediglich 1,5 Stellen für psychologische / psychotherapeutische Tätigkeiten und einer Stelle für Sozialarbeit zusammen.

Rodicas Bericht stieß beim BOWIP auf ein interessiertes Publikum. So wurde Rodica mit einer Vielzahl an Fragen überhäuft und auch nach dem Vortrag beim Essen noch angeregt über die bewegende Thematik diskutiert. Es war eine außergewöhnliche und tolle Erfahrung diese Facette der Flüchtlingsarbeit einmal aus einer ganz persönlichen und nahen Perspektive kennenzulernen, welche die Menschen greifbar machen, die hinter den nüchternen Zahlen und Fakten aus den Medien stehen.

Wir, der Vorstand des BOWIP, möchten uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bei Rodica Anuti-Risse für ihren Vortrag, vor allem auch für ihr Engagement für Geflüchtete bedanken.

Links im Internet

Das Restaurant Aubergine findet ihr in der
Pieperstraße 13
44789 Bochum.
Die Homepage des Restaurants findet ihr hier.