"BOWIP in Touch with..."

Danke an Bernd
Danke an Annelen
Die Urkunde von Bernd Heidicker
Der BOWIP im Ruderverein

Bernd Heidicker und Annelen Collatz
Psychologie und Rudern

am 21. März 2014 tauchten wir in eine ganz andere Welt ein – wir erhielten einen spannenden Einblick in den Leistungssport Rudern und genossen (auch kulinarisch) in einer netten Runde von knapp 20 Personen ein tolles „BOWIP in touch with“. 

Der Ort für diese Veranstaltung – das Kaminzimmer im Bootshaus des Rudervereins „Emscher“

Wanne-Eickel-Herten, das sich direkt am Rhein-Herne-Kanal befindet, war ideal gewählt. Bernd Heidicker brachte uns die Kraft-Ausdauer-Sportart Rudern mit seinen unterhaltsamen Ausführungen und vielen plastischen Beispielen nahe. Wer dabei war, weiß jetzt, warum es in Deutschland gerne heißt „Achter gut, alles gut“ und was sich hinter den vielen – zu vielen? – Bootsarten verbirgt. (Bernd Heidicker errang übrigens eine Vielzahl internationaler Erfolge. Z. B. wurde Bernd 2002 in Sevilla im Vierer ohne Steuermann Weltmeister. Für die in jeder Bootsklasse zu absolvierenden 2.000 m benötigte das Boot damals gerade einmal 5:41,38 Minuten -  bis heute gültige Weltbestzeit! Und bei den Weltmeisterschaften 2007 in Eton errang Bernd dann im Flaggschiff des DRV (Deutscher Ruderverband), dem Achter, den Titel – wiederum als Schlagmann.)

Rudern gilt als akadamische Sportart, es ist ein harter „Studenten-Sport“, der viel Disziplin erfordert. Ihre größten Erfolge feiern Ruderer typischerweise im Alter von Mitte bis Ende 20, daher ist es wichtig, eine Duale Karriere zu verfolgen und rechtzeitig den Grundstein für einen beruflichen Weg außerhalb der Ruderwelt (in der sich in Deutschland sowieso nicht viel Geld verdienen lässt) gelegt zu haben. Bis dahin geht es jedes Jahr aufs Neue darum, bei den Weltmeisterschaften (die nur in Olympia-Jahren „ausfallen“) idealerweise in den Achter zu kommen und dann den Titel zu erringen. Die Konkurrenz ist groß, aber ohne Kooperation ist erfolgreiches Rudern unmöglich. Unter der Woche wird wie in einer „Polizisten-Ehe“ mit dem 2er-Partner üblicherweise 2x täglich trainiert. Mit diesem Partner werden auch die Leistungstests absolviert, die zusammen mit den persönlichen Ausbelastungswerten (Laktatwerte/Herzfrequenz) darüber entscheiden, wer die begehrten Plätze im Achter erreicht. Das Boot wird letztlich mit den 4 besten Zweier-Teams besetzt, schlechter platzierte verteilen sich dann auf die anderen Bootsklassen.

 

Hinweise zur Bootsbesetzung:

 

Der Schlagmann sitzt von der Mannschaft aus gesehen an der ersten Position, also im Heck des Bootes. Er gibt die Schlagfrequenz vor, also die Zeitpunkte zu denen die Riemen in das Wass eingesetzt und herausgehoben werden. Er sorgt für eine möglichst konstante Schlagfrequenz und gibt im Rennen den Start - die ersten 300 m wird gerudert, als gäbe es kein Morgen mehr, danach ist eine konstante hohe Frequenz zu halten... und auch die Spurts vor. Ein Schlagmann muss den immensen Druck gerade am Start aushalten können, ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, sowie einen Sinn für die Bootsbewegung haben. In der Mitte des Bootes befindet scih der "Maschinenraum" (mit besonders kräftigen Ruder-Kalibern) und am Bug ist ganz besonders viel "Pogespür" gefragt, da der Schlagrhythmus dort eher erfühlt werden muss.

 

Nachdem wir „Zwerge“ (in Ruderkreisen gelten selbst Männer mit 1,90 m als „Erdnuckel“…) Bernd Heidickers spannenden Ausführungen und seinen Kommentaren zum als Video gezeigten Olympia-Rennen des Achters 2012 in London gelauscht hatten, konnten wir noch einige Fragen stellen. Dann musste er sich leider bereits von uns verabschieden und Annelen Collatz übernahm „das Ruder“.

Sie berichtete uns von ihrer Arbeit mit dem Deutschlandachter, dem Männervierer, dem Frauenzweier und aus dem Leichtgewichtsbereich. Auch bekamen wir Einblick in die Hintergründe zu psychologischen Methoden aus unterschiedlichen psychologischen Richtungen, die sie in der Zusammenarbeit mit den Sportlern und Trainern nutzt.

Gerade Ruderer, die nicht in den Achter-Kader berufen werden, erleben dies häufig als narzistische Kränkung. Andere wichtige Themen in der Zusammenarbeit sind Angstbewältigung, Misserfolgsvermeidungs-Strategien, Entspannung, private Beziehungen, Ernährung und Essstörungen, Konkurrenzkämpfe, Zeitplanung (Zeitmanagement & Organisation). Oft geht es aber auch einfach um das „Da-sein“, Ansprechpartnerin zu sein. Wie wichtig dies ist, zeigt sich auch darin, dass Annelen von den aktuell 19 Ruderern des Achter-Kaders mehr als die Hälfte dauerhaft betreut, wobei die „Jungs“ untereinander nicht wollen, dass andere von der genutzten psychologischen Unterstützung wissen. Frauen scheinen dafür hingegen offener zu sein und auch offener darüber zu sprechen.

Der klärungsorientierte Ansatz, zu dem Annelen zusammen mit Rainer Sachse auch ein Buch veröffentlicht hat (Annelen Collatz, Rainer Sachse: Klärungsorientiertes Coaching. Hogrefe, Göttingen 2011), bildet auch die Basis für die Arbeit mit den Ruderern und Trainern. Sie nutzt darüber hinaus Techniken der Imagination, kümmert sich – gerade auch bei den Trainern – um eine verbesserte „Rede-Kultur“, um basale Dinge der Kommunikation, wie das saubere Formulieren und ab und an das Loben, das Ausdrücken von Gefühlen und um Nachbesprechungen z. B. von Rennen und Trainingseinheiten. Es geht auch um Konfliktbewältigung zwischen Athleten und zwischen Athleten und Trainern. Annelen fährt auch schon mal im Boot mit, ist also mit dabei – die Grundlage, um überhaupt Einfluss nehmen zu können und Kommunikationsprozesse live zu erleben und nicht nur vom Hören-Sagen.

Aktuell ist Annelen auch noch mit ihrer Hypnose-Ausbildung am Milton-Erickson-Institut beschäftigt. Für den DRV hat sie zudem das Konzept "Coach the coach" entwickelt, zu dem auch eine Persönlichkeitsanalyse mit dem BIP gehört. Um auch weiterhin in der Athletenbetreuung aktiv sein zu dürfen, ist neuerdings eine Zertifizierung als Sportpsychologin erforderlich. Annelen war deutlich anzumerken, was sie von dem Rahmenkonzept hält. Die Ausbildung umfasst  3 mal 5 Tage Theorie, 100 Praxisstunden und 25 Supervisionsstunden. Zum Abschluss muss ein Praxisbericht angefertigt werden (Umfang ca. 30 Seiten) und eine Präsentation vor einem Gremium gehört dazu. Wenn man darüber hinaus noch als Psychologe einen 2 lange Wochenenden dauernden Kompensationskurs in Sportwissenschaften in Karlsruhe absolviert, dann kann man sich auf eine zertifizierte Liste eintragen lassen. Ohne Eintrag auf dieser Liste wird es ab 2015 nicht möglich sein, als Psychologe im Leistungssport zu arbeiten – unabhängig davon, welche Zusatzausbildungen man darüber hinaus vorzuweisen hat. Zumindest wurden Annelen die vorgesehenen 100 Praxisstunden innerhalb von 4 Monaten aufgrund ihrer mehrjährigen erfolgreichen Arbeit und fundierten Ausbildung erlassen. Nichtsdestotrotz wird mit der „Ausbildung zum Sportpsychologen“ derzeit viel Geld gemacht, kostet sie doch knapp 3.000 Euro…

Auch wenn akkreditierte Sportpsychologen für eine Stunde Athletenbetreuung deutlich besser bezahlt werden als Trainer, die eher mager entlohnt werden, so wird man mit der Sportpsychologie, die bei Annelen ca. 10% ihrer Gesamttätigkeit ausmacht, nicht reich. Im Vordergrund stehen Ruhm und Ehre – und wenn Annelen davon erzählt, dass ein großer, starker Ruderer nach einem Gespräch mit ihr, den Wunsch hegte, sie einmal umarmen zu dürfen, dann wird deutlich, dass gerade diese Dankbarkeit, die sich auch in Kurznachrichten, Anrufen etc. äußert, der schönste Lohn für ihre aufopferungsvolle engagierte Arbeit ist.


Auch an dieser Stelle noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön an Bernd Heidicker und Annelen Collatz, die uns spannende Einblicke in eine uns zuvor eher fremde Welt gewährt haben und uns eine tolle BOWIP-Veranstaltung haben erleben lassen. Zukünftig werden alle Teilnehmer dieses Abends Übertragungen von Ruder-Ereignissen im Fernsehen aus einer veränderten Perspektive sehen. Wer weiß, vielleicht erhaschen wir ja sogar mal einen Blick auf Annelen in ihrer roten DRV-Jacke? Und der eine oder die andere hat eventuell sogar Lust bekommen, mal bei einem Ruderwettkampf live dabei zu sein.

 

Blick voraus


Der nächste Termin für BOWIP in touch with... wird in Kürze bekanntgegeben.